GEDC3374Tina Uebel (Schriftstellerin aus Hamburg) über den Clochard:
Wo es Schmalzbrote gibt, das Bier am billigsten ist, man die nettesten Trinker der Welt antrifft – und sich wie die Schriftstellerin Tina Uebel „Im Kiezbauch“ fühlt. Eine Liebeserklärung.


Das Clochard ist ein großer Bauch, in dem sich allerlei Unverdauliches sammelt. Es ist warm und dunkel hier und gluckst und knurrt und lebt, und den Herzschlag liefert die Jukebox mit Metallbeats, die noch vier Stockwerke höher zart rumoren (an stillen Tagen) oder die Kakerlaken auf den Badezimmerkacheln vibrieren lassen (in lauten Nächten), sowohl als auch, denn das Clochard ist vierundzwanzigstündig geöffnet. Ich muß das wissen, ich wohne vier Stockwerke höher und das bereits seit mehr als zehn Jahren.

Meine Liebesaffaire mit dem Clochard aber begann lange vorher, Ende der Achtziger, als mein Freund Hanno und ich dort Zuflucht suchten vor den grausligen grünen Vororten Hamburgs, wo wir in eine Schule gingen, in der Lebensformen in Lacostehemden und weißen Golfen ihrer Karrierechancen wegen noch vor dem Abitur in die Junge Union eintraten und die Verlogenheit der Oberschichtsbürgerlichkeit einem die Luft zum Atmen nahm. Im Clochard hingegen wurde die Atmung nur durch solide Rauchschwaden erschwert, und man soff anständig und ehrlich, während die Volks- und Großhansdorfer Hausfrauen hinter geschlossenen Rolläden Psychopharmaka schmissen und man uns vor den Gefahren des Drogenkonsums eindringlich warnte.

Das Clochard war der ClubMed für revoltierliche Bürgerkinder, wir verbrachten Heiligabend hier und aßen Schmalzbrote, denn im Clochard gibt es Schmalzbrot zu Weihnachten. Im Clochard gibt es immer Schmalzbrot. Die Jukebox hatte damals von Metall noch nichts gehört und quoll über vor schaurigen Schnulzen, sie bot nur drei Titel, die hörbar waren, „Auf der Reeperbahn nachts um halb eins“ von Hans Albers, „Hey Joe“ von Jimi Hendrix und den dritten habe ich vergessen. Es ist lange her. Nein, natürlich erinnere ich mich doch, „In the Ghetto“. Wir hörten in vielen Nächten dutzende Male hintereinander „Hey Joe“, wenn wir genug Geld für die Jukebox hatten, hörten aberwitzigen Geschichten der alten Berber zu, die hier nächtigten, im Dunkel, der Wärme und der Geborgenheit des guten alten Kiezbauches im ersten Stock der Reeperbahn 29, wo das Bier billiger war und ist als irgendwo sonst. Hinter den Ruinen der Klotüren begann die Dritte Welt, wir durchwateten sie mit mutiger Entschlossenheit. Nirgendwo lauschte ich so guten Geschichten, nirgendwo sprach und trank ich mit so vielen liebenswerten Kaputtniks, nirgendwo hörte ich so oft „Hey Joe“.

Mit dem Betreiberwechsel verschwanden die Berber, verschwand Joe, wo ging er hin mit der Knarre in der Hand? Die Schmalzbrote blieben, die Bierpreise stiegen nur leicht und die Klos sind keine Nehbergsche Herausforderung mehr. Unter die alten Kaputtniks mischten sich junge Kaputtniks. Ich beendete die Schule und verschwand meinerseits aus den Vororten. Nach Nächten auf dem Kiez saßen wir auf der Terrasse, die das Clochard anstelle von Fenstern besitzt, und sahen der Stadt beim Aufwachen zu.

Das Clochard ist eine Kneipe, in der man den Abend eher beendet als ihn beginnt. Oder das Leben, je nach dem, je nach Veranlagung. Es ist nach wie vor eine Kneipe, in der man miteinander redet und entschlußfreudig säuft. Es arbeiten und leben und sitzen dort die nettesten Menschen der Welt, es sind meine Nachbarn, es sind die besten, die man haben kann. Welch ein Zufall, dachte ich, als ich in die Reeperbahn 29 einzog, nachdem ich jahrelang nicht mehr dort gewesen war, im Clochard. Komme ich nach Hause, weht mich aus der Clochardtür ein warmer, muffiger Lufthauch an wie ein Atem. Denn das Clochard lebt. Deswegen atmet es, klar. Weil nicht nur Metall läuft, verlasse ich morgens oft das Haus und nehme einen Schnippel Musik mit in den Tag, mal ist es Nirvana, mal Joachim Witt, mal Led Zeppelin, manchmal auch ein schrulliger Wiedergänger aus meiner Achtzigerjahrejugend und ich singe den Rest des Vormittags diese Verrostung zu mir. Sitzen tu ich dort selten, fast nie. Es fehlt wohl an Zeit und an Muße. Schade eigentlich. Ich schneie herein, sage Hallo, hol meine Post, hol mir ein abendliches Astra oder Zigaretten, bleibe auf einen kurzen Schnack. In warmen Nächten horche ich den Dramen nach, die sich auf der Terrasse abspielen, ich glaube nicht, daß ein anderer Ort Hamburgs eine ähnliche Dichte an lautstarken Beziehungskrisen aufweisen kann. Manchmal wird mit den Biergartenbänken geworfen, aber nur, wenn es wirklich ernst und vonnöten ist. Sonst nicht.

Der ferne Radau dort unten wiegt mich in den Schlaf wie der mütterliche Herzschlag ein Embryo. Meine Bilder lappen nicht von ungefähr ins körperliche, das Clochard ist ein physischer Ort, laut und dreckig wie das Leben selbst. Ein Bauch. Unverdaulich zu sein ist nicht das schlechteste in einer Welt, durch deren Eingeweide Konformisten und Konsumenten hindurchglitschen, ohne Spuren zu hinterlassen. Um uns herum wird der Kiez in rasendem Tempo zu Tode verhübscht, auf dem Gelände der ehemaligen Astra-Brauerei wächst ein Luxushotelkomplex, auf der Reeperbahn ersetzen Reisebüros und Apotheken die Sexshops und Kaschemmen, der erste H&M dünkt mir nicht fern. Sogar meine Kakerlaken sind fortgezogen. Es entstehen viele Fassaden. Noch aber findet man auch die Innereien. Ein Ort ist nicht lebensfähig, der nur aus Gesicht besteht. Noch treffen sich im Clochard Punks und Penner, Trinker, Trantüten, Tellerwäscher, Troglodyten, Trilobiten, Toreadore, Transnistrier, Tagelöhner, Tagediebe, Tagträumer und Nachtaktive und Nachtpassive, Müßiggänger, Nichtsnutze, Schlawiner und Schaluppen, Schwerenöter und Schwerversehrte, Kaputtniks und Heilige und Normale und weniger Normale, Traurige und Ausgelassene und wirklich sehr Besoffene und meine Nachbarn und wagemutige Vorstadtkids und Skatspieler und Kickerspieler und Klönschnacker und FC-St.-Pauli-Fans und Fans des Lebens im Allgemeinen und Biertrinker und Schnapstrinker, wir alle, die Einsamen und die Geselligen, die Überwachen und die, die auf den schröddligen Bänken einschlafen nach all dem guten Bier. Am Abend des Todestages von Bukowski kam mir aus der Clochardtür ein großer, wankender Mensch entgegen, fragte mich, ob ich gehört hätte, daß Bukowski gestorben sei, warf sich in meine Arme und weinte. Ich denke, St. Bukowski ist seither der Schutzheilige des Clochards, ich denke, es ist kein schlechter Ort zum Leben für einen Schriftsteller, ich bin mir sicher, es ist in jedem Falle einer der besten Orte zum Trinken, die man nur finden kann.

 

KNEIPENBUMMEL: IN EINEM BUCH ERZÄHLEN 30 AUTOREN, WO SIE AM LIEBSTEN AM TRESEN SITZEN
„… und sahen Hamburg beim Aufwachen zu.“